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Zusammenfassung der Gästebucheinträge

Die Gästebucheinträge zeichnen grob drei Phasen nach:

1. Anfangsphase 2003: viel Zuspruch für „Images Against War“

Die frühen Einträge ab Februar 2003 sind überwiegend positiv bis begeistert. Viele Besucher loben:

  • die Idee einer internationalen Bild-/Fotoplattform gegen Krieg,
  • die schnelle Umsetzung,
  • die politische Haltung gegen den Irakkrieg,
  • einzelne Fotograf:innen und Arbeiten,
  • die Möglichkeit, Kunst als Protestform zu nutzen.

Typische Motive sind: „No War“, Dank an die Initiator:innen, Solidarität mit Friedensbewegungen, Kritik an Bush/Blair/Howard und allgemeine Ablehnung des Irakkriegs.

Außerdem gibt es viele organisatorische Einträge von Tina Schelhorn, die den Stand des Projekts dokumentieren: wie viele Fotograf:innen online sind, Hinweise auf Ausstellungen, Eröffnungen und neue Beiträge.

2. 2003: Debatte um Antisemitismus / Paul Magoo

Ein auffälliger Konflikt entsteht um eine Arbeit von Paul Magoo, insbesondere eine Darstellung der US-Flagge mit Davidsternen. Mehrere Einträge kritisieren dieses Bild scharf als antisemitisch bzw. als Anknüpfung an antisemitische Verschwörungsbilder.

Wichtige Punkte dieser Debatte:

  • Besucher:innen unterstützen zwar grundsätzlich eine Anti-Kriegs-Plattform, kritisieren aber, dass Antikriegsbilder nicht in antisemitische oder antiamerikanische Klischees kippen dürften.
  • David Ury und Tanya Ury formulieren besonders ausführliche Kritik.
  • Tanya Ury fordert die Entfernung ihres eigenen Werks aus der Ausstellung, weil sie nicht neben dieser Bildsprache erscheinen möchte.
  • Später bestätigt Harald Ernst, dass Tanya Urys Foto entfernt wurde.
  • Es gibt danach kurze Dankesreaktionen.

Diese Phase zeigt, dass das Gästebuch nicht nur Zustimmung enthält, sondern auch eine ernsthafte Debatte über Grenzen politischer Kunst, Verantwortung von Kurator:innen und problematische Bildsymbolik.

3. 2004: Mischung aus Lob, Spam, politischen Kommentaren und eskalierender Polemik

Im Laufe von 2004 werden die Einträge heterogener:

  • weiterhin Lob für die Website und einzelne Fotograf:innen,
  • internationale Grüße,
  • Hinweise auf Ausstellungen,
  • zunehmend Spam-artige Beiträge,
  • politische Kommentare zur US-Wahl 2004,
  • Diskussionen über Irak, Bush, Terrorismus, Medien und Militär.

Ab Mitte November 2004 kippt das Gästebuch massiv in Richtung einer Debatte um Kevin Sites.


Speziell zu Kevin Sites

Anlass der Einträge

Die Kevin-Sites-bezogenen Gästebucheinträge setzen sehr konzentriert am 17. November 2004 ein und ziehen sich mindestens bis Dezember 2004. Aus den Einträgen geht hervor, dass sie sich auf das bekannte Falludscha-Video beziehen: Kevin Sites, als embedded journalist für NBC im Irak unterwegs, filmte einen US-Marine, der in einer Moschee einen verwundeten bzw. am Boden liegenden Iraker erschoss.

Viele Schreiber:innen nehmen offenbar an, dass Sites auch Bilder auf imagesagainstwar.com veröffentlicht hatte oder mit der Seite verbunden war. Dadurch wurde das Gästebuch der Website zu einem Ersatzforum für Reaktionen auf Sites, NBC, embedded journalism und die Kriegsberichterstattung.

Dominante Reaktion: massive Ablehnung und Hass

Der überwiegende Teil der Kevin-Sites-Einträge ist extrem feindselig. Viele Beiträge bezeichnen ihn sinngemäß als:

  • Verräter,
  • antiamerikanisch,
  • terroristensympathisierend,
  • Gefahr für US-Soldaten,
  • jemanden, der durch seine Berichterstattung dem Feind Propaganda liefere.

Wiederkehrende Argumentationsmuster:

  1. „Er verrät die Soldaten, die ihn schützen“
    Viele sehen es als Undankbarkeit oder Verrat, dass Sites mit den Marines unterwegs war und dann Material veröffentlichte, das einem Marine schaden könnte.

  2. „Das Video gefährdet US-Truppen“
    Wiederholt wird behauptet, das Material werde von Al Jazeera, Aufständischen oder Gegnern der USA propagandistisch genutzt und erhöhe dadurch die Gefahr für Soldaten.

  3. „Der erschossene Iraker hätte eine Gefahr sein können“
    Viele rechtfertigen das Handeln des Marines mit dem Hinweis auf:

    • angeblich fingierte Verwundungen,
    • Selbstmordanschläge,
    • Sprengfallen an Toten oder Verwundeten,
    • Kämpfe in Moscheen,
    • die Unsicherheit von Kampfsituationen.
  4. „Sites hätte zuerst die Militärbehörden informieren sollen“
    Einige kritisieren weniger die Existenz des Videos als die Veröffentlichung. Sie sagen, Sites hätte das Material zunächst intern dem Militär übergeben sollen, statt es medial wirksam zu veröffentlichen.

  5. „Warum zeigt er nicht die Gräueltaten der Gegenseite?“
    Viele werfen ihm und der Website eine einseitige Perspektive vor: Es würden US-Verfehlungen gezeigt, aber nicht Enthauptungen, Anschläge, Massengräber, Saddam-Verbrechen oder Gewalt durch Aufständische.

Auffällig ist, dass zahlreiche Beiträge nicht sachlich argumentieren, sondern in persönliche Beschimpfungen, Gewaltfantasien und Todeswünsche gegen Sites abrutschen. Das Gästebuch wird hier regelrecht zum Ort eines digitalen Mobs.

Minderheitsposition: Unterstützung für Sites

Neben der massiven Ablehnung gibt es auch eine kleinere, aber deutlich erkennbare Gruppe von Einträgen, die Kevin Sites verteidigt.

Diese Beiträge argumentieren etwa:

  • Sites habe lediglich seine Arbeit als Journalist getan.
  • Es sei wichtig, die Realität des Krieges zu dokumentieren.
  • Der Vorfall sei geschehen und dürfe nicht verschwiegen werden.
  • Journalismus müsse auch eigene Truppen kontrollieren und Fehlverhalten sichtbar machen.
  • Kritik an Krieg oder Militär sei nicht automatisch Verrat.
  • Gerade in Kriegszeiten seien unabhängige Bilder notwendig.

Einige Einträge bezeichnen Sites sogar als mutig oder als „Stimme der Wahrheit“. Andere rufen dazu auf, seine eigene Erklärung zu lesen, bevor man ihn verurteilt.

Eintrag der Website-Betreiber / redaktionelle Reaktion

Besonders wichtig ist ein Eintrag vom 22. November 2004:

Dort wird erklärt, dass es „Irritationen“ um die Bilder von Kevin Sites gebe und dass diese Bilder vorläufig von der Website entfernt wurden, bis die Genehmigung zur Veröffentlichung geklärt sei. Gleichzeitig wird auf Sites’ Weblog verwiesen.

Das ist relevant, weil es zeigt: Die Betreiber:innen reagierten nicht nur auf den politischen Druck, sondern offenbar auch auf eine Rechte-/Erlaubnisfrage bezüglich der Veröffentlichung seiner Bilder.

Gesamtbild zu Kevin Sites

Die Kevin-Sites-Einträge zeigen eine abrupte, massive Politisierung des Gästebuchs. Vorher war es ein Raum für Kunst, Antikriegspositionen, Lob, Kritik und Ausstellungskommunikation. Ab dem Falludscha-Video wird es für einige Tage fast zu einem Schlachtfeld der amerikanischen Kulturkriegsrhetorik:

  • Pro-Militär / Pro-Bush / Pro-Irakkrieg geprägte Stimmen greifen Sites und die Website scharf an.
  • Anti-Kriegs- und Pressefreiheits-Stimmen verteidigen ihn als Journalist, der Kriegsrealität sichtbar macht.
  • Die Debatte ist stark von Patriotismus, Verratsvorwürfen, Trauma nach 9/11, Medienkritik und Hass auf „liberale Medien“ geprägt.
  • Viele Einträge sind weniger echte Auseinandersetzung mit den Bildern als vielmehr Reaktion auf ein größeres Symbol: Kevin Sites wird zur Projektionsfläche für Streit über Krieg, Wahrheit, Medien, Loyalität und Moral im Kampf.

Kurzfazit

Das Gästebuch ist historisch interessant, weil es die Entwicklung einer Anti-Kriegs-Kunstplattform im Netz dokumentiert: von internationaler Solidarität und künstlerischem Austausch über interne Debatten zu Antisemitismus bis hin zu einer heftigen öffentlichen Eskalation um Kevin Sites.

Gerade die Sites-Einträge zeigen, wie stark Kriegsbilder im Netz emotionalisieren können. Für viele war Sites kein neutraler Zeuge, sondern ein Verräter; für andere war er genau deshalb wichtig, weil er zeigte, was Krieg tatsächlich bedeutet.

Summary of the Guestbook Entries

The guestbook entries roughly fall into three phases:

1. Early phase in 2003: strong support for “Images Against War”

The early entries from February 2003 are mostly positive or enthusiastic. Many visitors praise:

  • the idea of an international image/photo platform against war,
  • the quick implementation,
  • the political stance against the Iraq War,
  • individual photographers and artworks,
  • the possibility of using art as a form of protest.

Typical motifs include: “No War”, thanks to the organizers, solidarity with peace movements, criticism of Bush/Blair/Howard, and general opposition to the Iraq War.

There are also many organizational entries by Tina Schelhorn, documenting the project’s progress: how many photographers are online, announcements of exhibitions, openings, and new contributions.

2. 2003: debate about antisemitism / Paul Magoo

A notable conflict develops around a work by Paul Magoo, especially an image of the U.S. flag with Stars of David. Several entries sharply criticize this image as antisemitic or as drawing on antisemitic conspiracy imagery.

Key points of this debate:

  • Visitors generally support an anti-war platform, but criticize the fact that anti-war images must not slide into antisemitic or anti-American clichés.
  • David Ury and Tanya Ury formulate particularly detailed criticism.
  • Tanya Ury requests that her own work be removed from the exhibition because she does not want it to appear alongside such imagery.
  • Later, Harald Ernst confirms that Tanya Ury’s photo has been removed.
  • Short messages of thanks follow.

This phase shows that the guestbook contains not only support, but also serious debate about the limits of political art, the responsibility of curators, and problematic visual symbolism.

3. 2004: mixture of praise, spam, political comments, and escalating polemic

During 2004, the entries become more varied:

  • continued praise for the website and individual photographers,
  • international greetings,
  • exhibition announcements,
  • increasingly spam-like posts,
  • political comments on the 2004 U.S. election,
  • discussions about Iraq, Bush, terrorism, media, and the military.

From mid-November 2004 onward, the guestbook shifts dramatically toward a debate about Kevin Sites.


Specifically about Kevin Sites

Trigger for the entries

The Kevin Sites-related guestbook entries begin in a very concentrated way on November 17, 2004 and continue at least into December 2004. From the entries, it is clear that they refer to the well-known Fallujah video: Kevin Sites, working as an embedded journalist for NBC in Iraq, filmed a U.S. Marine shooting a wounded or prone Iraqi man inside a mosque.

Many writers apparently assume that Sites had also published images on imagesagainstwar.com or was connected to the site. As a result, the website’s guestbook became a substitute forum for reactions to Sites, NBC, embedded journalism, and war reporting.

Dominant reaction: massive rejection and hatred

The majority of the Kevin Sites entries are extremely hostile. Many contributors describe him, in effect, as:

  • a traitor,
  • anti-American,
  • sympathetic to terrorists,
  • a danger to U.S. soldiers,
  • someone whose reporting provides propaganda for the enemy.

Recurring lines of argument include:

  1. “He betrayed the soldiers who protected him”
    Many see it as ingratitude or betrayal that Sites was traveling with the Marines and then published material that could harm a Marine.

  2. “The video endangers U.S. troops”
    Many repeatedly claim that the footage would be used by Al Jazeera, insurgents, or opponents of the U.S. as propaganda, thereby increasing the danger to soldiers.

  3. “The Iraqi who was shot could have been a threat”
    Many justify the Marine’s actions by referring to:

    • allegedly faked injuries,
    • suicide attacks,
    • booby traps on dead or wounded bodies,
    • fighting inside mosques,
    • the uncertainty of combat situations.
  4. “Sites should have informed military authorities first”
    Some criticize not the existence of the video, but its publication. They argue that Sites should first have handed the material over internally to the military, rather than releasing it in a media-effective way.

  5. “Why doesn’t he show the atrocities of the other side?”
    Many accuse him and the website of presenting a one-sided perspective: showing U.S. misconduct, but not beheadings, attacks, mass graves, Saddam’s crimes, or violence by insurgents.

What stands out is that many posts do not argue calmly, but descend into personal insults, fantasies of violence, and death wishes against Sites. At this point, the guestbook almost becomes the site of a digital mob.

Minority position: support for Sites

Alongside the massive rejection, there is also a smaller but clearly visible group of entries defending Kevin Sites.

These posts argue that:

  • Sites was simply doing his job as a journalist.
  • It is important to document the reality of war.
  • The incident happened and should not be hidden.
  • Journalism must also scrutinize one’s own troops and make misconduct visible.
  • Criticism of war or the military is not automatically betrayal.
  • Especially in wartime, independent images are necessary.

Some entries even describe Sites as brave or as a “voice of truth.” Others call on readers to read his own explanation before condemning him.

Response from the website operators

One entry from November 22, 2004 is especially important:

It explains that there were “irritations” concerning Kevin Sites’ pictures and that these images had been temporarily removed from the website until permission to publish them had been clarified. At the same time, the entry links to Sites’ weblog.

This matters because it shows that the site operators were not only reacting to political pressure, but apparently also to a rights/permission issue regarding the publication of his images.

Overall picture of Kevin Sites

The Kevin Sites entries show an abrupt and massive politicization of the guestbook. Before that, it had been a space for art, anti-war positions, praise, criticism, and exhibition communication. After the Fallujah video, it becomes, for several days, almost a battlefield of American culture-war rhetoric:

  • Pro-military / pro-Bush / pro-Iraq War voices sharply attack Sites and the website.
  • Anti-war and press-freedom voices defend him as a journalist who made the reality of war visible.
  • The debate is strongly shaped by patriotism, accusations of betrayal, post-9/11 trauma, media criticism, and hostility toward “liberal media.”
  • Many entries are less a real engagement with the images themselves than a reaction to a larger symbol: Kevin Sites becomes a projection surface for arguments about war, truth, media, loyalty, and morality in combat.

Short conclusion

The guestbook is historically interesting because it documents the development of an anti-war art platform online: from international solidarity and artistic exchange, through internal debates about antisemitism, to a fierce public escalation around Kevin Sites.

The Sites entries in particular show how strongly war images can stir emotions online. For many, Sites was not a neutral witness but a traitor; for others, he was important precisely because he showed what war actually means.